Kölner
Stadt Anzeiger 02.12.08
ABSCHIEDS-AUSSTELLUNG
Kunst mit dem Zufallsfaktor
„Tun und Lassen“: Nach 18 Jahren im Bergischen zeigt der
Kürtener Künstler Dominik Böhringer bei den „artgenossen“
seine Abschieds-Ausstellung.
LINDLAR
Er tut es wirklich: Dominik Böhringer zieht ins
Süddeutsche. „Das ist wie ein Neustart, wie noch mal jung
sein“, schwärmt der Kürtener, Jahrgang 1957. Ein großes
Atelier hat er schon in Konstanz am Bodensee. Seine vorerst
letzte Ausstellung in hiesigen Breiten zeigt Böhringer
jetzt im Lindlarer „Landart Hotel und Restaurant
artgenossen“. Zum Abschiedsessen hatte er Leute eingeladen,
die ihn in seinem Leben als bildender Künstler begleitet
haben. Und das waren eine Menge - das Restaurant platzte
aus allen Nähten, ohne Vorbestellung kaum noch was zu
machen.
Die Köche bereiteten Gerichte aus Böhringers Leben zu -
was, wie der schelmisch erklärte, meistens Gerichte seiner
jeweiligen „Liebsten“ seien: Eine köstliche
Sauerampfersuppe, eine italienische Vorspeise namens
„Pinzimonio“ (lange Gemüse- und Salatstreifen, die man in
Öl-Essig-Dip taucht), Rote-Beete- Gratin, Rinderbraten.
Nicht zu vergessen der Nachtisch, mit dem Böhringers
jetzige Lebensgefährtin sein Herz gewann: gefrorene
Himbeeren unter Joghurt-Sahnesauce.
Tun und lassen - dass der gebürtige Düsseldorfer, der vor
18 Jahren ins Bergische Land zog, im Leben faul gewesen
wäre, muss er sich nicht vorwerfen lassen. Doch erst über
das Theater, die Auseinandersetzung mit Masken, fand er zur
bildenden Kunst. Vorher war er Theaterdozent mit Gaststelle
in Bologna, Artist in Amsterdam und wäre in den USA beinahe
professioneller Tänzer geworden.
Bei den „artgenossen“ ist Böhringer mehr als gern gesehener
Gast, hat er doch bei der Renovierung des alten
Schulgebäudes im Jahr 2002 eines der 14 Hotelzimmer
gestaltet (Zimmer Nr. 8). Hier probierte er eine Technik
aus, die auch in seinen Bildern auftauchte, ritzte
Eisenpartikel in den feuchten Gips. Dies Material arbeitet
nach, es rostet mit der Zeit.
Auch bei den meist runden Papierbildern spielt der Faktor
Zufall eine Rolle: Erst kommen die Farb- und Metallpigmente
zusammen mit dem feuchten Trägermaterial in eine Form, dann
lässt Böhringer diese Zusammenstellung einige Tage ziehen.
Das Ergebnis: leicht gewölbte Scheiben, drauf dunkle
Schlieren, Risse, Krusten - Formen, die das Auge reizen und
die Fantasie anregen.
Viele Projekte und Ideen also für ein Künstlerleben. Doch
manches muss man auch lassen können, philosophiert
Böhringer: „Meine Bilder sind so still und meditativ -
dabei rannte ich immer hektisch zwischen Werkstatt und
Familie hin und her.“ Eine einfache Erkenntnis dämmerte
erst vor fünf Jahren: „Ich tue, also bin ich - ich lasse
und bin immer noch.“
Wird der Umzug auch ein künstlerischer Neuaufbruch? „Das
weiß ich noch nicht“, räumt Böhringer ein. Gerade das sei
ja das Schöne daran: „Niemand hat Erwartungen an mich. Ich
kann Neues machen oder Altes, ohne dass es ein Problem
ist.“
Im Kürtener Künstlerverein „K 44“, der nach wie vor auf der
Suche nach einem neuen Domizil ist, bleibt er Mitglied, hat
aber die Position als zweiter Vorsitzender zur Verfügung
gestellt. Das Privathaus in Biesfeld ist (noch?) nicht
verkauft, für ein paar Monate wird es zwischendurch immer
wieder Anlaufstelle.
So lange „lässt“ Böhringer noch einen Koffer in Biesfeld.
Die Ausstellung „Tun und lassen“ von Dominik Böhringer im
Landart Hotel und Restaurant artgenossen (Pollerhofstraße
35, Lindlar) ist noch bis zum 29. Januar zu sehen.
Ingrid Bäumer