Der lange Weg Mülheims nach Köln

von Frank Schwalm

(erschienenen in: Blaschke, Wolfgang (Hg.): Köln-Mülheim. Ein Ortsteil im Wechsel des Jahrhunderts, Köln 1999)

Mülheim und der Bergische Wirtschaftsraum

Die Stadt Mülheim am Rhein gehörte zu Beginn des 20. Jahrhundert zu den wichtigen Industriestädten im Rheinland. Im Zuge der Industrialisierung war die Einwohnerzahl der Stadt von rund 10.000 Einwohnern im Jahre 1871 auf über 53.000 in Jahre 1910 angewachsen. Diese rasche Entwicklung war dem günstigen Standort der aus dem 11. Jahrhundert stammenden Ortschaft zu verdanken: Mülheim lag am Rhein ausgesprochen verkehrsgünstig. Mehrere Handelsstraßen und Eisenbahnlinien verbanden Mülheim mit dem Bergischen Land. Vorhandene und preiswerte Freiflächen ermöglichten die die Ansiedlung und Ausdehnung von großen Industriebetreiben. Nicht zuletzt spielte auch die Arbeitsethik des in Mülheim ansässigen protestantischen Bürgertums ein bedeutende Rolle. Schiffahrt, Handel und Industrie konnte so gedeihen. In Mülheim ansässige Firmen wie Andreae (Textil), Felten & Guilleame / Carlswerk (Kabelproduktion), Lindgens oder Böcking (Metallverarbeitung) waren auch ausserhalb des Rheinlandes bekannt. Das eng bebaute und katholisch geprägte Köln konnte diese Standortvorteile nicht bieten. Die Industrie hatte sich um die Stadt herum entwickelt.

Der Bergische Wirtschaftsraum bildete kommunalpolitisch als "Landkreis Mülheim" ein Einheit. Dieser Landkreis legte sich um die Kölner Stadtteile Deutz und Poll, sowie der Stadt Kalk. Somit umfaßte fast er alle heutigen rechtsrheinischen Stadtteile Kölnsund erstreckte sich dann weit in das Bergische Land hinein bis nach Overath. Die Stadt Mülheim wurde 1901 aus dem Landkreis heraus gelöst. Dennoch blieb der Sitz der Kreisverwaltung auf der Mülheimer Freiheit (bis zur Auflösung des Kreises 1932) bestehen. Mülheim blieb somit Hauptort. Auch in anderen Gemeinden des Kreises blühte die Industrie: Bergisch Gladbach wurde durch die Papierverarbeitende der Fa. Zunders bekannt. In Bensberger Revier wurden Zink-Bergwerke betrieben. In Porz (damals offiziell als "Gemeinde Heumar" bezeichnet) waren u.a. verschiedene metallverarbeitende Betriebe ansässig. Der östliche Teil des Kreises um Overath, Rösrath und Wahn wurden hingegen von Landwirtschaft geprägt und waren von Zuschüssen der prosperierenden Gemeinden angewiesen.

Der lange Weg nach Köln

Im Jahre 1888 hatte sich die Stadt Köln explosionsartig in das Umland ausgedehnt. Die Stadt Ehrenfeld sowie die Gemeinden Kriel, Müngersdorf, Longerich und Nippes, sowie Teile der Bürgermeisterei Rondorf/Rodenkirchen wurden nun zu Kölner Vororten. Erstmals setzte die Stadt Fuß auf das rechte Rheinufer: Die Stadt Deutz und die Gemeinde Poll wurden wegen ihrer Hafenanlagen nach Köln einverleibt. Überlegungen die selbständigen Gemeinden im Rechtsrheinischen zu einem "Trutz-Köln" zusammenzulegen, blieben nur eine Idee. 1910 kamen auch die Stadt Kalk und die Gemeinde Vingst zu Köln. Mülheim wurde zusammen mit der Bürgermeisterei Merheim am 1. April 1914 dem Stadtgebiet Kölns zugeschlagen.

Der Eingemeindung ging eine jahrelange öffentliche Diskussion voraus. Den ersten Anstoß hierfür kam aus Mülheim: 1906 wurde erstmals die Zusammenlegung der beiden Städte von der Mülheimer "Wirtschaftlichen Vereinigung" gefordert. Nach dem Rücktritt des Oberbürgermeister Friedrich Wilhelm Steinkopf 1907 wurde auf einer öffentlichen Bürgerversammlung die Vereinigung als "dringend notwendig" bezeichnet. Die Mülheimer Zentrumspartei schloß sich dieser Meinung an.

Kurz darauf wurden Verhandlungen mit der Stadt Köln über eine Vereinigung aufgenommen. Nach 1 Jahren brach die Stadt Köln die Gespräche ab. Der Kölner Oberbürgermeister Max Wallraf vertrat die Auffassung, es sei unmöglich, die mit einer Eingemeindung Mülheims verbundenen Opfer zu übernehmen. Zeitgleich führte aber die Stadt Köln Verhandlungen mit Kalk und Vingst., die dann 1910 zum Kölner Stadtgebiet hinzukamen. In Mülheim lehnte man diese Ausdehnung Kölns auf dem rechten Rheinufer ohne Einbeziehung der Stadt Mülheim ab. Aufgrund der neuen geographischen Ausgangslage Kölns befürchteten die Mülheimer Nachteile und weigerten an erneuten Verhandlungen teilzunehmen. Erst auf Druck des Regierungspräsidenten kam es 1912 erneut zu Gesprächen, die dennoch wegen Uneinigkeit in Steuerfragen fruchtlos verliefen. Köln trat parallel an die Bürgermeisterei Mehrheim mit Eingemindungswünschen heran. Wie ein Halbkreis zog sich diese Gemeinde von Flittard über Dünnwald, Dellbrück nach Merheim um die Stadt Mülheim herum. Der Druck, sich dem Kölner Stadtgebiet zuschlagen zu lassen wurde nun erheblich erhöht. Die Stadt Mülheim wäre sonst eine Enklave mitten im stadtkölnischen Gebiet geworden. So stimmte der Rat der Stadt Mülheim einstimmig dem Einigungsvertrag der beiden Städte zu.

Zu den Kernpunkten zählte der Bau einer festen Rheinbrücke, einer Straßenbahnlinie nach Bergisch Gladbach und die Einrichtung städtischer Ämter einschließlich eines Standesamtes. Die Stadt Köln verpflichtete sich dazu, "Straßen-, Garten-, Schmuck- und Brunnenanlagen im heutigen Stadtgebiet Mülheims in durchaus guten Zustande zu erhalten und für die Weiterentwicklung der Anlagen und des gesamten Ausbaues der Stadt nach Kräften zu sorgen". Auch die Beibehaltung der Mülheimer Gottestracht wurde garantiert. Kurios ist dies, da die Gottestracht keine kommunale Aufgabe ist.

Nicht ganz uneigennützig unterschrieb Oberbürgermeister Bernhard Clostermann den Vertrag. In einer Anlage wird genau geregelt, dass er noch weitere sieben Jahre sein volles Gehalt von 19.000 Mark erhält und danach eine üppige Pension von 11.000 Mark.

"Schwer, sehr schwer ist es der Mülheimer Stadtverwaltung und Stadtvertretung gefallen, die Selbständigkeit aufzugeben, und die Geschicke der Stadt ihren alten Widersacher anzuvertrauen," kommentierte die Mülheimer Volkszeitung am 21. Mai 1914: "Sie (die Stadtverordneten F.S.) haben es getan, weil sie die Vereinigung bei dem Ineinanderwachsen der beiden Gemeinwesen (...) für unbedingt notwendig erachten."

Nach der Angliederung Mülheim an Köln schwebte das Damoklesschwert weiterer Eingemeindungen über dem Rechtsrheinischen. Aufgrund der Notwendigkeit, "Industrieland und Wohnquartier im großen Umfang zu schaffen, weist uns die Sorge für die Zukunft unwiderstehlich auf die Nachbarschaft des Bergischen Landes hin", sagte Kölns Oberbürgermeister Max Wallraf anläßlich der Eingemeindung Mülheims. Diese Sorge wurde nach der Ausdehnung Kölns Richtung Worringen 1922 verstärkt. Adenauer hatte bereits Pläne erarbeiten lassen, Bergische Gladbach, Bensberg und Porz nach Köln einzuverleiben. doch scheiterte er 1929 am Preußischen Abgeordnetenhaus. 1945 legte er diese Pläne erneut der amerikanischen und dann der britischen Militärregierung vor fand dort aber wenig Verständnis dafür. 1975 wurde die Stadt Porz eingemeindet

Primärquellen

Mülheimer Volkszeitung

Vertrag zwischen Cöln und Mülheim a. Rhein (vom 27./ 31. März 1913 und 30. September / 2. Oktober 1913)

Literatur

Brinken, Bernd: Köln / Bonn; Heroldsberg 1980

Dietmar, Carl (Hg.): Die Chronik Kölns; Köln 1991

Hermanns, Heinz: Die Handelskammer für den Kreis Mülheim am Rhein (1871 . 1971) und die Wirtschaft des Köln-Mülheimer Raumes; Köln 1969

Kellebenz, Hermann (Hg.): Zwei Jahrtausende Kölner Wirtschaft; Köln 1975

Prass, Ilse: Mülheim am Rhein. Stadtgeschichte in Straßennamen; Köln 1988

Schumacher, Fritz / Arntz, Wilhelm: Köln. Entwicklungsfragen einer Großstadt, Köln 1923

Schwalm, Frank: Die Kölner Eingemeindungspläne für den Raum Porz in den Jahren 1919 bis 1951 in: Rechtsrheinisches Köln - Jahrbuch für Landeskunde 1998, Nr. 24 und 25