Museen in und um Köln


Museum Schnütgen

Sonderausstellung


Joseph Beuys und das Mittelalter
24.1.-19.5.1997

Joseph Beuys (Krefeld 1921-1986 Düsseldorf) gehört zu den wichtigsten deutschen Künstlern nach dem Zweiten Weltkrieg. Es gibt viele Berührungspunkte zwischen seinem Werk und der mittelalterlichen Kunst. Beuys hat z.B. wie die mittelalterlichen Künstler mit der Symbolik von Farben, Materialien und Bildformen gearbeitet.

Die Ausstellung "Joseph Beuys und das Mittelalter" entstand u.a. in Zusammenarbeit mit der Kunststation St. Peter. Während St. Cäcilien seit 1956 ein Museum für christliche Kunst beherbergt, wird in der benachbarten Pfarrkirche St. Peter seit 1986 in wechselnden Ausstellungen zeitgenössische Kunst gezeigt. Pater Friedhelm Mennekes, katholischer Pfarrer und Kunstvermittler, zeigte in dem Gotteshaus auch mehrfach Werke von Joseph Beuys. Das bedeutendste Kunstereignis in St. Peter fand Anfang 1991 statt: die Ausstellung "MANRESA", in der die 25 Jahre zuvor von Beuys durchgeführten Fluxus-Aktion nicht nur anhand von Zeichnungen, Materialien und Fotos dokumentiert, sondern auch in einer Performance rekonstruiert wurde. Ein zentrales Thema von MANRESA war das halbierte Kreuz. Mennekes hat in intensiven Gesprächen mit Beuys den christlichen Gehalt seines Œuvres zutage gefördert.1. In St. Peter fand auch am 23. Januar 1997 - am 11. Todestag des Künstlers - die Eröffnungsveranstaltung der Ausstellung in der Cäcilienkirche statt.



Die Ausstellung gliedert sich in vier Themenbereiche:

  • Kreuz (als Orientierungszeichen und Symbol)
  • Leid und Tod
  • Reliquien und Erinnerung
  • Substanz und Material
Zu den mittelalterlichen bis barocken Kunstwerken des Schnütgen-Museums wurden Zeichnungen und Objekte in Beziehung gesetzt. Auf den Boden des Mittelschiffs der Cäcilienkirche ist ein Hauptwerk von Beuys gelegt worden (eine Leihgabe aus dem Rijksmuseum Kröller-Müller bei Otterlo). Die 1996 für den deutschen Pavillon der Biennale in Venedig geschaffene Installation Tramstop-Straßenbahnhaltestelle-Fermata del Tram- Monument für die Zukunft besteht u.a. aus einer 8,60 m langen Straßenbahnschiene und einem langen Kanonenrohr, in dem ein Menschenkopf aus Eisen steckt.

Um dieses Zentrum oder "Kraftfeld" herum sind die anderen Exponate gruppiert, darunter auch frühe Arbeiten aus der unmittelbaren Nachkriegszeit. Schon alleine durch die Anordnung der Objekte innerhalb des Kirchenraums ergeben sich Sinnzusammenhänge. So bildet das an der Ostseite des Hochchors plazierte Wandobjekt Halbiertes Filzkreuz mit Staubbild "Magda" eine optische Achse zu dem in der Mitte der Westempore aufgestellten Altarkreuz aus Bergkristall (14. Jh.).

Obwohl es nicht beabsichtigt war, "Beuys in den heiligen Schoß der Mutter Kirche" zurückzuholen - wie die Direktorin des Museums, Hiltrud Westermann-Angerhausen, bei der Pressevorstellung betonte, werden doch gerade in den frühen Zeichnungen und Objekten traditionelle Themen der christlichen Kunst behandelt, so die Kreuzigung, die Pietá oder die Erweckung des Lazarus. Daß der Mataré-Schüler sogar zeitweilig Auftragskunst für die Kirche erledigte, belegt die handgeschriebene Quittung für Arbeiten an den Bronzetüren des Kölner Domes aus dem Jahre 1948 ("49.70 für Mosaiksetzen am 26.7.48 erhalten"). Allerdings wurde im Gegensatz zu Mataré keines seiner eigenen Werke im Sakralraum einer Kirche verwendet, obwohl einige ursprünglich dafür bestimmt waren, wie z.B. die beiden (unbetitelten) Bronzekreuze aus dem Jahre 1949.

Der Grund lag darin, daß seine Deutung christlicher Themen schon damals über die traditionelle christliche Ikonographie hinausging. Das zeigt sich besonders deutlich in der Bronzearbeit Kreuz mit Sonne (1972 verwendete er einen Guß dieser Plastik in dem Objekt Ohne Titel [Munitionskiste mit Kreuz, Fichtenstab und Berglampe], das im Diözesanmuseum steht.) Franz Joseph van der Grinten schreibt dazu:

Bei Beuys sind Anklänge an vertraute Erscheinungsformen eher die Schwelle zu einem neuen und weiterführenden Denken, das sich in die Grenzen der Dogmatik nicht gebunden sieht. Christus war für ihn nicht die historische Gestalt, sondern die permanent, zu allen, auch den weit früheren Zeiten gegenwärtige Kraft, die durch liebendes Opfer trägt und weiterbewegt; dazu hat er sich zeitlebens bekannt, auch fern der Amtskirche, wie ja sie ihm ihrerseits fernbleiben wollte. Seine später formulierte plastische Vorstellung von der Substanzumwandlung prägte sich auch hierin früh aus, so wie ihn die Frage des Weiterlebens nach dem Tode stets bewegt hat. Opfer bewirkt Erlösung, Leiden speichert Kraft, und der aus Ratio und Intuition permanent sich speisende Geist zeugt unablässig. Mag dies in der sprachlichen Formulierung ein Vorgriff sein, in der plastischen belegt es sich früh. Das "Sonnenkreuz" von 1947/48 zum Beispiel läßt frei von den Balken, die es trügen, den Christus in einer Drehung sich strecken, die auch die des Tanzes sein könnte, die Arme ausgreifend vor einer rotierenden Sonne, und er selbst ist statt der Dornenkrone mit Weinlaub und Trauben bekrönt. Das Gesetz und der Impuls sind in ihm vereinigt, Ratio und Intuition, Apollon und Dionysius, und die Vereinigung der so lange getrennten scheint die Tat der Erlösung selbst.2

Hier schlägt sich schon Beuys´ Beschäftigung mit der Anthroposophie Rudolf Steiners nieder. Aus diesem Kontext heraus wird auch sein 1985, also im Jahr seines Todes entstandenes Werk, Ich glaube (Io credo) (sonst als Dauerleihgabe von Eva Beuys in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen) verständlich. Es besteht aus einem graubemalten Eisenkasten auf vier Beinen, in dem sich ein Karton befindet; darin liegen 19 Orangen und diverse Orangenblätter auf einem Bett aus Schwefelpulver. Im Ausstellungskatalog (200 Seiten, erschienen im Cantz Verlag, DM 58,-) versucht Antje von Graevenitz eine Interpretation des Werks mit der Begrifflichkeit der Alchemie und vergleicht es mit dem Multiple Capri-Batterie, das im gleichen Jahr ebenfalls in Italien entstand (Abb. links, leider nicht ausgestellt.). In beiden Fällen wird ein elektrolytischer Prozeß veranschaulicht. Der "Energiezusammenhang" soll beim Betrachter einen Denkprozeß in Gang setzen: "Denken ist bereits Plastik".

Joseph Beuys bezeichnete den erweiterten Kunstbegriff als sein bedeutendstes Kunstwerk. Der Kölner Mediaevist Andreas Speer stellt in seinem profunden Katalogbeitrag diese Theorie in einen größeren geistesgeschichtlichen Zusammenhang und entdeckt erstaunliche Parallelen zwischen Beuys´ (oft mißverstandenem Diktum) Jeder Mensch ist ein Künstler und dem "ars"-Begriff des frühscholastischen Magisters Hugo von St. Victor (1096-1141), der sowohl die Wissenschaft und als auch die "schönen Künste" umfaßt.

Text: © Thomas Plum 1997

Museum Schnütgen

  • Cäcilienkirche
  • Cäcilienstr. 29
  • 50667 Köln



1veröffentlicht in: Friedhelm Mennekes, Beuys zu Christus. Eine Position im Gespräch/Beuys on Christ. A Position in Dialogue, Stuttgart, 1989
2Das Zitat stammt aus der Aufsatzsammlung Franz Joseph von der Grinten zu Joseph Beuys (Friedhelm Mennekes, Hrsg.), Köln 1993, S. 51. In der Ausstellung sind Leihgaben aus der Sammlung van der Grinten im Museum Schloß Moyland, Kranenburg zu sehen. Weitere Leihgaben kommen aus dem Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien und dem Kunstmuseum Bonn.