Im 12. Jahrhundert fand man in der Nähe der (erst später gebauten) romanischen Kirche St. Ursula eine Gräberstätte, von der man annahm, es sei die der hl. Ursula und ihrer Gefährten. Tatsächlich handelte es sich aber um ein römisches Gräberfeld.
Es entstand ein ausgesprochener Heiligenkult, in dessen Folge man begann, die zahlreichen Gebeine als Reliqien zu verkaufen. Dieser Verkauf war eigentlich nicht erlaubt, aber die Kölner hatten ein einträgliches Hintertürchen entdeckt: Man brauchte die Knochen nur in ein Reliquiar, einen Reliqienbehälter also, zu legen, und schon hatte der Handel auch den Segen der Kirche. Daraus entwickelte sich ein regelrechter "Exportschlager". Man fertigte aus Holz Mädchenbüsten, die typische "Rheinmädel" darstellten, rundlich, mit rosigen Wangen und oft einem verschmitzten Lächeln auf den Lippen. Vorne haben diese Büsten eine Öffnung, durch die man die kostbar umhüllten Reliquien sehen konnte. Und besonders liebe Freunde des Kölner Klerus erhielten auch schon einmal eine oder sogar mehrere "ganze" Jungfrauen zum Geschenk!
Erst 1393 setzte der Papst selber dem Treiben der Kölner ein jähes Ende: er verbot die weitere Ausfuhr von Kölner Ursulareliquien, weil er befürchtete, daß die Kölner sonst selbst bald keine mehr hätten. Tatsache ist, daß zu dieser Zeit bereits ca. 12.000 Ursulareliquien in Umlauf waren (von denen heute noch ca. 3.000 existieren).
Ursula war im Mittelalter die Schutzpatronin der Kölner Tuchhändler, einem der einträglichsten Wirtschaftszweige der Stadt, und wurde im weieren Verlauf auch zur Stadtpatronin erhoben. Auf dem Stadtwappen wird sie noch heute durch ein weißes Feld mit elf schwarzen Tropfen oder Flammen repräsentiert. In Wirklichkeit handelt es sich weder um Tropfen noch um Flammen. Das bretonische Wappen besteht aus Hermelinpelz. Deshalb zeigt das Kölner Wappen einen weißen Hermelinpelz mit elf schwarzen Hermelinschwänzen.
In der romanischen Kirche St. Ursula, die über dieser Gräberstätte erbaut wurde, findet sich eine Inschrift aus frühchristlicher Zeit, die bezeugt, daß an dieser Stelle tatsächlich Jungfrauen das Martyrium erlitten haben. Diese sogenannte Clematius-Inschrift wird heute zusammen mit der Tatsache, daß man bei archäologischen Grabungen schon für das 4. Jahrhundert eine römische Basilika an dieser Stelle nachweisen konnte, im allgemeinen als Beweis dafür gewertet, daß die Legende zumindest auf einen wahren Kern zurückgeht. Ein großer Teil der Geschichte ist allerdings wohl der Phantasie der mittelalterlichen Erzähler zuzuschreiben, denn nicht einmal der Name der Heiligen ist unumstritten. Die heutige Namensgebung rührt wahrscheinlich von der Entdeckung eines frühchristlichen Grabsteins eines achtjährigen Mädchens mit dem Namen Ursula her. Die Anzahl der Heiligen, die ja doch recht erstaunlich ist, geht wahrscheinlich auf einen Lesefehler bei der Entzifferung der auf lateinisch geschriebenen Legende zurück: aus der Abkürzung "M" für "Märtyrerinnen" machte man einfach ein "mille"= "Tausend". (Möglicherweise wurde dieser "Fehler" sogar absichtlich erzeugt, um die übergroße Anzahl der gefundenen Gebeine zu erklären!)
Ursula wurde und wird übrigens nicht nur bei uns in Köln, sondern in vielen Ländern dieser Erde verehrt und gehört zu den populärsten Heiligen überhaupt. Das hat sicher zum einen damit zu tun, daß ihre Legende viele Länder berührt, da Ursula gewissermaßen durch halb Europa reiste. Zum anderen ist hier aber auch eine äußerst
romantische, fast balladenhafte Legende entstanden, die mit ihren vielen Identifikationsmöglichkeiten jeden Zuhörer einfach in ihren Bann ziehen muß. Auch die Maler des Mittelalters, und nicht zuletzt die der berühmten Kölner Malerschule des Mittelalters (zu der z.B. Stefan Lochner gehörte) wurden von der Legende inspiriert. Eine besonders ausführliche Schilderung von Leben und Martyrium der hl. Ursula gibt der 31 Einzelszenen umfassende Bilderzyklus in St. Ursula selbst. Leider ist er nicht mehr vollständig präsent. Die fehlenden Bilder befinden sich im Wallraf-Richartz-Museum und im Diözesan-Museum.
Erwähnen muß man hier natürlich auch die "Goldene Kammer" in St. Ursula. Sie bildet ein auf diese Art nördlich der Alpen einzigartiges Heiligtum. Dieser Raum, der der Aufbewahrung der unzähligen Ursulareliquien dient, entstand 1643. Allerdings wird eine "gülden Kamer" schon 1528 erstmals erwähnt. Für uns moderne Menschen wirkt dieser Raum zumindest befremdlich, wenn nicht sogar furchterregend. Die Knochen der Heiligen wurden hier wie Mosaiksteine verwendet. Im oberen Wandbereich hat man mit ihnen Ornamente, Inschriften und christliche Symbole gelegt, im unteren Bereich befindet sich in Nischen Reliquienbüste an Reliquienbüste, die ältesten darunter noch aus dem 13. Jahrhundert. Was uns wie ein Gruselkabinett vorkommt, war jedoch in seiner Entstehungszeit für den Betrachter ein großartiges Heiligtum und Anlaß zu frommer Meditation.
© Yvonne Plum
Der Text wird hier erstmals veröffentlicht.