Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944

Ausstellung im Kölnischen Stadtmuseum und im NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln
vom 4. April bis 24. Mai 1999

Verbrechen der Wehrmacht

Das Hamburger Institut für Sozialforschung
existiert seit 1984. Im Rahmen des Forschungsprojekts "Gewaltgeschichte des 20. Jh." mit den folgenden Themenkomplexen wurde die Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht" entwickelt.
1. Gulag / KZ Auschwitz
2. Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki
3. Militärdiktaturen
4. Gewalt bei der Dekolonisation - Pol Pot / Vietnamkriege
5. Recht contra Gewalt - Nürnberger Prozesse


2. Quellen für die Verbrechen der Wehrmacht

a) Militärdokumente
b) Strafprozesse gegen Angehörige der Wehrmacht
c) Berichte von Tätern und Augenzeugen der Wehrmachtsverbrechen in Feldpostbriefen
und Kriegstagebüchern.
d) Photos von Wehrmachtsverbrechen


Ziel dieser Seiten

ist nicht, auch nur ausschnittsweise die Vielzahl der Dokumente und Bilder der Ausstellung wiederzugeben oder den Besuch der Ausstellung zu ersetzen. Sie soll vielmehr den Besuch der Ausstellung durch einführende Texte zu den Ausstellungsthemen vorbereiten und ergänzen.
Die Verbrechen der Wehrmacht werden in der Ausstellung am exemplarischen Beispiel vier ausgewählter Themenkomplexe dargestellt. Diese Seiten sollen in die Themen einführen und den Ausstellungsbesuch vorbereiten und ergänzen, um daß, was man sieht, besser einordnen und verstehen zu können. Der Schwerpunkt meiner Darstellung liegt daher auf dem militärischen, politischen und ideologischen Kontext, also auf den Bereichen, die die Ausstellung nicht abdecken kann und will.


1. Der Partisanenkrieg in Serbien - April bis Dezember 1941

Dieser Teil der Ausstellung hat durch die aktuellen Ereignisse im Kosovo unbeabsichtigt einen besonderen Gegenwartsbezug gewonnen.


Jugoslawien / Serbien vor 1941

1919 wurde aus Serbien, das bis dahin ein selbständiges Königreich war, Montenegro und Teilen Österreich-Ungarns das Königreich Jugoslawien gegründet.
Bei der Gründung Jugoslawiens war Belgrad eines der drei Zentren der jüdischen Bevölkerung im Land und Sitz der Union der jugoslawischen Gemeinden. Zu Jugoslawien gehörte auch das Banat, ein Landstreifen nördlich von Belgrad zwischen Ungarn, Rumänien und Kroatien.


Der Weg Jugoslawiens in den Krieg

1940 hatte das Italien Mussolinis eigenmächtig Griechenland überfallen, welches die Engländer zu Hilfe rief, die sich daraufhin auf Kreta festsetzten und dort einen Luftstützpunkt einrichteten. Von dort aus bedrohten die englischen Bomber die rumänischen Erdölfelder, die für die Benzinversorgung der deutschen Truppen von großer Bedeutung waren. Außerdem bestand die Gefahr einer zweiten Front durch englische Bodentruppen in Griechenland. Nachdem die italienischen Kräfte sich als zu schwach erwiesen hatten, um Griechenland zu erobern, plante Hitler für April einen Blitzkrieg gegen Griechenland. Dazu mußten deutsche Truppen an die griechische Grenze verlegt werden. Jugoslawien wollte neutral bleiben und lehnte einen Durchzug deutscher Truppen ab, was Hitler akzeptierte. Er akzeptierte jedoch nicht die Neutralität, da er eine mögliche Gefährdung des Griechenlandfeldzuges von der Flanke her ausschalten wollte, und setzte den jugoslawischen Ministerpräsident Cvetkovic unter Druck. Dieser unterzeichnete am 25. März 1941 in Wien den Beitritt Jugoslawiens zum Dreimächtpakt Deutschland.- Italien - Japan.
Dies entsprach aber nicht dem Willen der serbischen Bevölkerung. Am 27. März 1941 kam es kurz nach Mitternacht durch Besetzung des Belgrader Stadtzentrums zu einem erfolgreichen Putsch nationalistischer serbischer Offiziere gegen die jugoslawische Regierung und zu deutschfeindlichen Demonstrationen und Ausschreitungen.
Prinzregent Paul Karadjordjevic wurde ins Exil gedrängt, der aus Wien zurückkehrende Regierungschef zusammen mit seinem Außenminister außer Landes gewiesen. Der Patriarch erklärte Petar (Peter) II. Karadjordjevic, den siebzehnjährigen Sohn des 1934 ermordeten Königs, vorzeitig für volljährig und proklamierte ihn zum Herrscher. Dieser ernannte den General der Luftwaffe Dusan Simovic zum neuen Ministerpräsidenten.
Die neue Regierung bemühte sich um den Abschluß eines Freundschaftsvertrag mit der Sowjetunion, erklärte jedoch, die deutschfreundliche Neutralitätspolitik fortzusetzen zu wollen und eine Zusammenarbeit mit England abzulehnen.
Hitler brauchte bei einem Angriff auf Rußland eine sichere Südostflanke. Ihm war Jugoslawien zu unsicher geworden und so ordnete er am Tag des Putsches, dem 27. März 1941, durch die Weisung Nr. 25 an, "ohne mögliche Loyalitätserklärungen abzuwarten, ...Jugoslawien militärisch und als Staatsgebilde zu zerschlagen". Um die militärischen Verbände für das "Unternehmen 25" gegen Jugoslawien frei zu bekommen, war er bereit, den Termin für den Angriff auf die Sowjetunion um 4 Wochen zu verschieben.


Blitzkrieg gegen Jugoslawien

Die Eröffnung des Blitzkrieges gegen Jugoslawien, ursprünglich für den 1.April 1941 geplant, erfolgte am Morgen des 6. April 1941 um 5.15 Uhr ohne vorherige Kriegserklärung oder Ultimatum durch Luftangriffe und den Einmarsch deutscher und ungarischer Truppen nach Jugoslawien.
In der Weisung Nr.25 hatte Hitler der Luftwaffe befohlen, zu Beginn des Jugoslawien-Feldzuges die Hauptstadt Belgrad "durch fortgesetzte Tag- und Nachtangriffe .... zu zerstören."
Diese Aufgabe fiel der Luftflotte 4 (Chef : General der Flieger Alexander Löhr, seit 3.5.1941 Generaloberst) zu. Sie bombardierte mit 484 Flugzeugen im mehreren Wellen Belgrad, obwohl die Stadt von keiner Luftabwehr geschützt wurde und zur offenen Stadt erklärt worden war. Belgrad wurde mittels Brand- und Splitterbomben erheblich zerstört, insbesondere das Belgrader Regierungsviertel. Obwohl Löhr eigenmächtig Hitlers totalen Zerstörungsbefehl auf militärisch wichtige Ziele beschränkte, kostete die Bombardierung Belgrads zwischen 1500 und 1700 Menschenleben.
Die Luftflotte 4 bestand insgesamt aus 210 Jagdflugzeugen, 400 Bombern und Sturzbombern sowie 170 Aufklärern. Sie hatte die Heeresoperationen von der Luft aus abzusichern und wichtige Teile des jugoslawischen Verkehrsnetzes durch Bombardierung zu zerstören.
Aus Kärnten, der Steiermark und Ungarn drangen Kräfte der 2. Armee (Generaloberst Freiherr Maximilian von Weichs) und das 46. Panzerkorps, aus Bulgarien die Truppen der 12. Armee (Generalfeldmarschall Wilhelm List) und die Panzergruppe 1 (Kleist) mit 4 Panzer-, 3 motorisierten und 7 Infanteriedivisionen in Jugoslawien ein.
Die jugoslawische Armee leistete nur geringen Widerstand.
Am 10. April rückte eine Division des 46. Panzerkorps in Agram/Zagreb ein. Dort wurde von der kroatischen nationalistischen Ustascha-Bewegung unter ihrem Führer Ante Pavelic mit deutscher und italienischer Unterstützung ein unabhängiger Staat Kroatien ausgerufen. Die deutschen Truppen wurden begrüßt als Befreier Kroatiens aus dem Vielvölkerstaat Jugoslawien. Die faschistische Ustascha-Bewegung war fortan ein Verbündeter der Deutschen.
Am 12. April 1941 nahm das 41. Panzerkorps ohne Kampf die serbisch-jugoslawische Hauptstadt
B e l g r a d ein.
Da sich die jugoslawische Armeeführung nicht mehr in der Lage sah, ihre ohnehin unterlegenen und ohne Panzerabwehrwaffen ausgestatteten Truppen geordnet in eine neue Verteidigungsstellung zurückzuführen - die kroatischen Truppenteile stellten bereits den Kampf ein -, mußte sie am 17. April 1941 bedingungslos kapitulieren. 334.000 Mann gingen in deutsche Gefangenschaft.


Die deutschen Militärbehörden in Serbien

Nach der Besetzung Jugoslawiens durch die Wermacht wurde Serbien einschließlich des Banats im April 1941 der deutschen Militärverwaltung unterstellt. Serbien und Griechenland unterstanden dem Wehrmachtsbefehlshaber Südost Generalfeldmarschall Wilhelm List., der Oberbefehlshaber der 12. Armee.
Drei deutsche Luftwaffengeneräle wechselten sich 1941 im Amt des Militärbefehlshabers Serbien als Chefs der deutschen Militärverwaltung ab: Bernhard Danckelmann, Ludwig
von Schröder
und Helmuth Forster.
Die Militärverwaltung in Serbien bestand aus dem militärischen Operationsstab des Militärbefehlshabers und aus einem Verwaltungsstab für die Zivilverwaltung des besetzten Landes.
Chef der Zivilverwaltung, der auch für "jüdische Angelegenheiten" zuständig war und bei
der Vernichtung der Juden in Serbien eine entscheidende Rolle spielte, war der Staatsrat
SS-Gruppenführer H a r a l d  T u r n e r. Ihm unterstand die Einsatzgruppe des Reichssicherheitshauptamtes für Serbien, deren Kommandeur bis Januar 1942 der SS-Standartenführer Dr. Wilhelm Fuchs war. Im Januar 1942 erhielt Serbien einen Höheren
SS- und Polizeiführer, August Meyszner. Unter ihn trat ein Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD (BdS), Obersturmbannführer Dr. Emanuel Schäfer, die Nachfolge des Einsatzgruppenleiters Fuchs an. Die Sicherheitspolizei unterhielt ihr Büro in Belgrad.


Beginn der Judenverfolgung in Serbien 17.April - 22. Juni 1941

Auf Befehl der Einsatzgruppe fanden sich am 19. April 1941 fast 10.000 Belgrader Juden zur Registrierung durch die Gestapo im Zentrum Belgrads ein. Unter Aufsicht von Wehrmachts-einheiten wurden alle männlichen Juden zwischen 16 und 60 fortan zur Zwangsarbeit herangezogen, hauptsächlich zur Beseitigung der Kriegsschäden in Belgrad.
Am 31. Mai 1941 veröffentlichte die Militärverwaltung des deutschen Militärbefehlshabers in Serbien, General Ludwig von Schröder, eine Judendefinition, ordnete die Registrierung und Kennzeichnung aller Juden und Zigeuner mit gelben Armbinden, ihre Entlassung aus dem öffentlichen Dienst und privaten Betrieben sowie das Verbot der Ausübung freier Berufen
durch Juden an. Außerdem wurde die Registrierung jüdischer Vermögenswerte vorgeschrieben, die eine spätere "Arisierung" erleichtern sollte, und für die Juden in ganz Serbien wurde die Zwangsarbeit eingeführt. Die bis dahin unkoordinierten und örtlich beschränkten antijüdischen Verfolgungsmaßnahmen einzelner Feld- oder Ortskommandeure der Wehrmacht wurden damit für das gesamte serbische Besatzungsgebiet vereinheitlicht.


Der serbische Aufstand gegen die deutsche Besatzung ab 22. Juni 1941

Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion löste Ende Juni einen allgemeinen Aufstand in Serbien aus. Die serbische Widerstandsbewegung war jedoch gespalten. Auf der einen Seite standen die königstreuen Tschetniks der königlichen Exilregierung in London, auf der anderen Seite die kommunistischen Partisanen unter der Führung von Josip Broz-Tito.
In den ersten beiden Monaten erzielten die Aufständischen unter der Führung kommunistischer Parteimitglieder bemerkenswerte Erfolge und übten faktisch die Kontrolle über weite Teile des Landes aus.


Die Reaktion der Wehrmacht und Polizei - Geiselerschießungen von Juden als Vergeltung

Die Deutschen konnten der serbischen Partisanen in der Regel nicht habhaft werden. Sie reagierten daher mit kollektiver Bestrafung der "bandenverdächtigen" Zivilbevölkerung.
Dies artete in blanken Terror aus. Einheiten der Wehrmacht brannten ganze serbische Dörfer nieder, vernichteten Ernten und ermordeten willkürlich Geiseln.
Der serbische Aufstand veranlaßte Hitler am 16. September 1941 den General der Gebirgstruppen
F r a n z  B ö h m e , ehemaliger Chef des österreichischen Generalstabes, zum
" B e v o l l m ä c h t i g e n  K o m m a n d i e r e n d e n  G e n e r a l  i n  S e r b i e n " zu ernennen, ihm sämtliche militärischen und zivilen Dienststellen zu unterstellen und Notstands
vollmachten zu übertragen. Böhme war vom Wehrmachtsbefehlshabers Südost Feldmarschall List als "besonders geeignete Persönlichkeit" für die Aufgabe in Serbien empfohlen worden
Zwei Divisionen , die 113 und 342, unterstanden Böhme und seinem Stabschef, Generalleutnant Max Pemsel, direkt. Die übrigen militärischen Einheiten in Serbien unterstanden dem "Kommandierenden General in Serbien" , General B a d e r , der Ende 1941 Nachfolger Böhmes als Oberbefehlshaber in Serbien wurde und mit Geitner einen eigenen Stabschef hatte.
Am Tag der Ernennung Böhmes zum Bevollmächtigten Kommandierenden General in Serbien, dem 16. September 1941, erließ der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, Wilhelm Keitel, den berüchtigten OKW-Befehl Nr. 888. Der "Befehl zur Bekämpfung der Aufstandsbewegung in den besetzten Gebieten" ordnete an, daß für jeden für jeden getöteten deutschen Soldaten 100 Kommunisten umgebracht werden sollten und 50 für jeden verwundeten Deutschen.
Diese Vergeltungsstrategie des Oberkommandos wurde von den Befehlshabern und Truppen der Wehrmacht erbarmungslos umgesetzt. Allerdings diente die Erschießung von Geiseln garnicht der Partisanenbekämpfung, sondern war vielmehr ein Vorwand zur "Endlösung der Judenfrage" in Serbien durch das Zusammenwirken von Wehrmacht, SS-Einsatzgruppen und Polizei.
Um die Quoten zu erfüllen und um die lokale serbische Bevölkerung nicht zu verbittern, ermordeten die deutschen Truppen nämlich hauptsächlich jüdische Männer, obwohl diese mit dem Partisanen-Widerstand überhaupt nichts zu tun hatten.
Die Wehrmacht war in Serbien nicht nur Gehilfe der Einsatzgruppe, sondern aktiv an der Ermordung von Juden beteiligt.
Im August 1941 wurden überall in Serbien jüdische Männer verhaftet. Anfang September hatte man die meisten in das Konzentrationslager Topovske Supe mitten in Belgrad gebracht.
Juden aus Südserbien wurden in dem Rotkreuz-Lager bei Nis (Nitsch) interniert, die "Kladovo-Gruppe" hielt man in einem Konzentrationslager in Sabac (Tschabac) fest.
Die Kladovo-Gruppe bestand aus Flüchtlingen aus Österreich, Deutschland und der Tschechoslowakei, die Ende 1939 nach Palästina aufgebrochen waren und es aus verschiedenen Gründen nicht geschafft hatten, die jugoslawische-rumänische Grenze zu überqueren und dann nach Sabac gingen, wo sie den Deutschen in die Hände fielen.
Anfang September, auf dem Höhepunkt der Offensive gegen die aufständischen Serben, lieferte Harald Turner auf Verlangen der Wehrmacht jüdische Geiseln zur Erfüllung der Mordquoten aus.
 Am 2.10.1941 töteten jugoslawische Partisanen in einem Feuergefecht bei Topola 22 deutsche Wehrmachtssoldaten. Daraufhin ordnete General Böhme als "Sühne" die Erschießung von 2.200 jüdischer und zigeunerischer Insassen der Lager Belgrad und Sabac an.


Die Massaker der Wehrmacht an der serbischen Zivilbevölkerung in Kraljevo und Kragujevac

Im Dezember 1941 wurde die Vergeltungsquote um die Hälfte herabgesetzt.


Die Vergasung der jüdischen Frauen und Kinder März - Mai 1942

Während die Wehrmacht 4.000 bis 5.000 jüdische Männer erschoß, blieben 15.000 jüdische Frauen und Kinder zurück, da es, so Turner in einem Rundschreiben, der Auffassung von deutschen Soldaten und Beamten widerspreche, Frauen als Geiseln zu nehmen, es sei denn, es handle sich um Frauen oder Angehörige der in den Bergen kämpfenden Aufständischen.
Ende Oktober 1941 erörterten der Gesandte Benzler, Staatsrat Turner, Standartenführer Fuchs und der mehrfach aus Berlin nach Belgrad reisende Legationstrat Franz Rademacher vom Judenreferat des Auswärtigen Amtes das "Problem", wie man sich der jüdischen Frauen und Kinder ohne viel Aufhebens entledigen könne. Die Bürokraten schlugen zunächst ein Ghetto vor.
Am 3. November 1941 wies Turner die Feld- und Kreiskommandaturen der Wehrmacht in Serbien an, in allen serbischen Gemeinden eine Zählung der jüdischen Frauen und Kinder vorzunehmen.
Anfang März 1942 traf ein Gaswagen des Reichssicherheitshauptamt aus Berlin in dem Lager Semlin ein
Am 10. Mai 1942 war die Operation beendet.
Die Gaswagen wurden im Juni nach Berlin zurückgeschickt, wo sie für weitere Einsätze in Weißrußland vorgesehen waren. Hier besteht eine Verbindung zum Thema Nummer 3.


Das Nachkriegsschicksal der deutschen Kriegsverbrecher in Serbien

Franz Böhme
wurde am 10. Mai 1947 vor dem Militärgerichtshof V der USA im Nürnberger Nachfolgeprozeß gegen die Südostgeneräle ("Fall 7" ) zusammen mit 11 anderen in Jugoslawien und Griechenland eingesetzten hohen Wehrmachtsoffizieren wegen Kriegsverbrechen und und Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt. Er nahm sich am 29. Mai 1947 in der Untersuchungshaft das Leben. Der Gesandte Benzler wurde nicht angeklagt.
Der erste Kommandeur der Einsatzgruppe Serbien , Fuchs, ist 1946 in Belgrad zum Tode verurteilt worden. Auch der Höhere SS- und Polizeiführer Serbien Meyszner wurde in Jugoslawien hingerichtet. Schäfer, Nachfolger von Fuchs als Kommandeur der Einsatzgruppe Serbien, wurde 1954 vom Schwurgericht Köln wegen seiner Beteiligung an der Vergasung der Juden in Serbien zu 6 Jahren und 9 Monaten Gefängnis verurteilt.
Harald Turner
, der an den Massakern im Belgrader Ghetto mitgewirkt hatte, wurde 1947 dort zum Tode verurteilt und hingerichtet.
Alexander Löhr
, Chef der 4. Luftflotte, wurde im Mai 1945 von den Engländern in Kärnten gefangengenommen und am 15.5.1945 an Jugoslawien ausgeliefert. Wegen des von Hitler angeordneten Luftangriffs auf Belgrad am 6.4.1941 wurde er vom jugoslawischen Militärgerichtshof zusammen mit dem ehemaligen Stadtkommandanten von Belgrad,
General Adalbert Lonitschar
, 1947 zum Tode verurteilt und am 16.12.1947 in Belgrad hingerichtet.
 
2. Die sechste Armee auf dem Weg nach Stalingrad 1941 - 1942

Die folgenden beiden Punkte führen in den Krieg gegen die Sowjetunion, das sogenannte Unternehmen Barbarossa, allgemein ein und dienen als Grundlage zum Verständnis des zweiten und dritten Themenkomplexes.


1. Fall Barbarossa - Der Überfall auf die Sowjetunion

Am 18. Dezember 1940 segnete Hitler den von der Operationsplanung des Heeres entworfenen Plan zum Angriff auf die Sowjetunion ab. Das Dokument, das in der Chronologie der Führerbefehle als "Weisung Nr.21" erschien, umfaßte 11 Seiten und war mit der Überschrift "Fall Barbarossa" versehen. Es war eines der folgenschwersten Dokumente des Zweiten Weltkriegs. Ziel des geplanten Blitzkrieges gegen die Sowjetunion war erstens England durch den Verlust des letzten potentiellen europäischen Bündnispartners zur Aufgabe des Krieges zu zwingen. Zweitens wollte Hitler den "Ostraum" gewinnen, um seinen Traum vom Großdeutsche Reich zu verwirklichen, der im Generalplan Ost (siehe dort) niedergelegt ist. Endziel der Operationen sollte "die Abschirmung gegen das asiatische Rußland auf der allgemeinen Linie Wolga - Archangelsk "(Archangelsk liegt am Weißen Meer im Osten Skandinaviens) östlich von Moskau sein.
Am 22. Juni 1941 marschierten die Verbände der deutschen Wehrmacht ohne Kriegserklärung in die Sowjetunion ein. Die deutschen Truppen rückten in drei Stoßkeilen vor.

a) Die Heeresgruppe Nord sollte von Ostpreußen aus unter dem Oberbefehl von Generalfeldmarschall Wilhelm Ritter von Leeb über die drei baltischen Staaten nach Leningrad vorstoßen, daß als Symbol des Sowjetregimes, wichtige Produktionsstätte für Panzer und Hafen der russischen Ostseeflotte besondere Bedeutung hatte. Mit der Eroberung Leningrads sollte die Eisenbahnverbindung zum sowjetfeindlichen Finnland hergestellt werden, welches Deutschland mit Erz belieferte und die deutschfreundliche Haltung Schwedens gesichert werden.

b) Die Heeresgruppe Mitte unter dem Oberbefehl von Generalfeldmarschall Fedor von Bock sollte durch Weißrußland nach Moskau vorstoßen. Am 28. Juni 1941 hatte die Heeresgruppe Mitte die weißrussische Hauptstadt Minsk eingenommen und erreichte am 16. Juli 1941 Smolensk Bis zum 23. Juli 1941 war ganz Weißrußland erobert. Dann wurde die Heeresgruppe Mitte im August gestoppt. Sie mußte ihre schnellen Verbände an die Heeresgruppe Nord abgeben, um Leningrad einzuschließen, und die Heeresgruppe Süd bei der Niederkämpfung starker sowjetischer Truppen im Raum Kiew unterstützen.
Am 2. Oktober 1941 begann der zweite Vorstoß der Heeresgruppe Mitte nach Moskau, im Rahmen dessen große Teile Zentralrußlands erobert wurden. Am 19. Oktober 1941 standen erste deutsche Truppen hundert Kilometer vor Moskau. Sie waren jedoch für den Angriff auf die russische Hauptstadt zu schwach, da das Gros des Heeres noch mit den eingekesselten Sowjetarmeen bei Wjasma und Brjansk beschäftigt war, die am 13. und 14.10.1941 kapituliert hatten.
Zugleich begannen die Schwierigkeiten. Herbstregen und Schnee verwandelten die Wege und Felder in Rußland ab dem 8. Oktober nach und nach in eine Schlammwüste, so daß der Angriff in der Breite stecken blieb. Erst als Anfang November der Frost einsetzte, waren ab Mitte November die Straßen wieder befahrbar.


2. Rasse- und Lebensraumkrieg, Generalplan Ost und die Indoktrination der Soldaten

a) Die nationalsozialistische Ideologie von Rasse- und Lebensraumkrieg
Die Ideologie Hitlers, aus der sich seine Politik ergibt, beruht auf dem Sozialdarwinismus. Charles Darwin hatte im 19. Jh. die These vom "survival of the fittest", vom Überleben des am besten angepaßten Lebewesens im Tierreich aufgestellt, wobei sich die Tierarten im ständigen Wettbe-werb um die günstigsten Lebensbedingungen befinden, im "struggle for life". Diese Ideen wurden vom Sozialdarwinismus auf den Menschen übertragen. Es gibt verschiedene Menschenrassen, die um begrenzten Lebensraum und Ernährungsmöglichkeiten kämpfen müssen und nur die stärkste Rasse überlebt.. Die Menschen haben die grundlegenden Bedürfnisse nach Liebe und Nahrung. Ersteres führt zum Bevölkerungswachstum, was Raumnot und Versorgungsprobleme nach sich zieht. Aus diesen Überlegungen ergibt sich scheinbar zwingend die Schluß, daß neuer Lebensraum erobert werden muß, der bereits von Menschen anderer Rassen besiedelt ist. Daraus entwickelten die Nationalsozialisten die Idee vom notwendigen Rasse- und Lebensraumkrieg des deutschen Volkes. Dieser Krieg ist am aussichtsreichen gegen ein minderwertigere Rasse und als solche deklarierten die Nationalsozialisten die Osteuropäer. Sie diffamierten sie als asiatische Unter-menschen, die es zu vernichten gelte, um das Überleben der eigenen Herrenrasse zu sichern.
Das gefährliche an diesem Denkgebäude ist, daß es teilweise in sich logisch ist, obwohl es von falschen Vorgaben ausgeht und alternative friedliche Lösungsmöglichkeiten für Probleme ignoriert. Es wurde im Generalplan Ost konkretisiert und mit grauenhaften Konsequenzen umgesetzt.

b) Der Generalplan Ost und seine Umsetzung
Der "Generalplan Ost" ist ein am 12.6.1942 vom Reichsführer SS Heinrich Himmler abgezeichnetes offizielles Programm der deutschen Besatzungspolitik im Osten, betreffend Polen , das Baltikum und die westliche Sowjetunion.
Der Generalplan Ost sah eine Besetzung Polens und der westlichen Sowjetunion bis zur Linie Archangelsk-Stalingrad vor. Dann sollte vom Westen her eine "Germanisierung" diese Raumes und damit eine Verschiebung der "deutschen Volkstumsgrenze" um 1000 km nach Osten erfolgen. Zunächst wurden in Westpolen die Volkstumsdeutschen aus der Bevölkerung heraussortiert und die Juden und Polen als aus NS-Sicht Angehörige einer fremden Rassen teilweise durch die Einsatzgruppen umgebracht und teilweise nach Ostpolen deportiert bzw. vertrieben. Dann wurden die westpolnischen Gebiete, welche die Lücke zwischen Pommern und Ostpreußen einerseits und Ostpreußen und dem schlesischen Zipfel anderseits ausfüllten als "Danzig-Westpreußen" und "Warthegau" 1939 dem Deutschen Reich angegliedert. Dort wurden dann zur weiteren Germanisierung Deutsche und Volkstumsdeutsche aus anderen Staaten ("Heim ins Reich") angesiedelt. Dieser Prozeß sollte sich stufenweise nach Osten bis zur obengenannten Linie Stalingrad/Wolga -Archangelsk fortsetzen. Der Generalplan Ost sah somit letztlich die Abdrängung von 30 Millionen Menschen slawischer und jüdischer Herkunft hinter den Ural nach Westsibirien vor.
Dabei traten Probleme auf. Die Bevölkerung, die man deportieren wollte, mußte zunächst nach der Unterwerfung trotz des Krieges versorgt werden. Diese Aufgabe konnte die Wehrmacht nicht leisten, da sie selbst Versorgungsprobleme hatte. Daher wurde ein Teil der osteuropäischen Bevölkerung bewußt dem Hungertod preisgegeben, etwa bei der hinausgezögerten Belagerung von Leningrad und bei Plünderungen von russischen Dörfern. Diese Dezimierung der russischen Zivilbevölkerung wurde als legitimer Bestandteil des Rassekrieges betrachtet.
Die Soldaten an der Ostfront wurden durch die nationalsozialistische Propaganda auf die neuen Gegner eingestimmt, die als von der jüdisch-bolschewistischen Ideologie verseuchte Angehörige einer minderwertigen Rasse hingestellt wurden, als Untermenschen, die es zu unterwerfen und unschädlich zu machen gelte.
 
3. Die deutsche Besatzung Weißrußlands 1941 - 1944


Die Besatzungspolitik in Weißrußland - Beteiligung der Wehrmacht am Holocaust

a) Eroberung und Besatzungsbehörden in Weißrußland
Die Sozialistische Sowjet-Republik Weißrußland wurde von der Heeresgruppe Mitte innerhalb von dreieinhalb Wochen erobert. Nachdem man am 22. Juni 1941 die sowjetische Grenze überschritten hatte, wurde bereits am 28. Juni 1941 Minsk, die Hauptstadt Weißrußlands, erobert, am 16. Juli 1941 hatte die Wehrmacht Smolensk im Osten Weißrußlands errreicht.
Weißrußland, in den Dokumenten der NS-Zeit als Weißruthenien bezeichnet, war von allen sowjetischen Republiken am längsten unter deutscher Besatzung Während die östliche Hälfte als rückwärtiges Heeresgebiet unter Militärverwaltung blieb, wurde der westliche Teil als "Generalkommissariat Weißrußland" einer Zivilverwaltung unterstellt. Sitz des Generalkommisars für Weißruthenien, des Gauleiters Wilhelm Kube (1887-1943), war die weißrussische Hauptstadt Minsk.
Beide Verwaltungen unterstanden dem Reichskommissariat Ostland, welches die drei baltischen Staaten und Weißrußland umfaßte. Zum Reichskommissar für das Ostland wurde am 25. Juli 1941 der Gauleiter von Schleswig -Holstein, Hinrich Lohse (1896-1964) , ernannt. Neben ihm existierte für etwa das gleiche Gebiet der Wehrmachtsbefehlshaber Ostland als Gebietsbefehlshaber der Wehrmacht.

b) Beginn der Judenverfolgung
Minsk war ein Zentrum jüdischen Lebens in Rußland. 1941 lebten dort 80.000 Juden, ein Drittel der Gesamtbevölkerung. Nur ein Teil der Juden konnten in den sechs Tagen zwischen dem deutschen Einmarsch in die Sowjetunion und der Eroberung von Minsk am 28. Juni nach Osten fliehen, um ihr Leben zu retten. Deutsche Fallschirmspringer versperrten die Straßen, fingen so östlich der Stadt mehrere tausend jüdische Flüchtlinge ab, die in Richtung Orscha und Moskau unterwegs waren, und zwangen sie zur Umkehr. Die Flucht in die Gegend von Gomel im Südosten Weißrußlands war erfolgreich, da dieser Ort erst am 19. August 1941 von deutschen Truppen eingenommen wurde. Es gelang etwa 120.000 Juden aus dem östlichen Weißrußland in das Innere der Sowjetunion zu entkommen.
Von 250.000 Einwohnern in Minsk fielen etwa in 100.000 in deutsche Hände, wovon etwa die Hälfte Juden waren. Alle Bewohner mußten sich bei der Ortskommandatur zur Registrierung melden. Der Befehlshaber des Heeres ließ dann ein ziviles Internierungslager für nahezu alle männlichen Bewohner der Stadt einrichten. Einheiten der Geheimen Feldpolizei des Heeres und Angehörige der Einsatzgruppe B "durchkämmten" dann gemeinsam das Lager. Tausende von "Juden, Kriminellen, Funktionären und Asiaten" wurden ausgesondert.
Am 8. Juli 1941 wurden die ersten 100 Juden in Minsk ermordet. Solche Mordaktionen wiederholten sich dann täglich.
Der Wehrmachtsbefehlshaber für die besetzten Gebiete ordnete an, daß sich alle Juden registrieren lassen und einen gelben Stern tragen müssen. Juden zu grüßen wurde verboten. Eine zweite Anordnung vom 13. Juli 1941 hob die Freizügigkeit für Juden auf und befahl sie in jüdischen Wohnbezirken zu konzentrieren.
Diese beiden Befehle führten zur Bildung von über 35 Ghettos im unter Militärverwaltung stehenden Ostweißrußland. Juden in kleinen Städten und Dörfern wurden in größere Ghettos deportiert.
aus: Raul Hillberg: Die Vernichtung der europäischen Juden, Bd.2, S. 315
 

d) Die Anlage des Minsker Ghettos
Am 19. Juli 1941 ordnete der Minsker Stadtkommandant an, daß alle Juden innerhalb von fünf Tagen in ein noch zu errichtendes Ghetto übersiedelt sein müssen.
Das Gelände, auf dem insgesamt ca. 100.000 Personen interniert wurden, umfaßte 34 Straßen und einen jüdischen Friedhof und war bestimmt für Juden aus Minsk und der umliegenden Dörfer und Städte. Die Juden durften das Ghetto nur zur Zwangsarbeit verlassen, die sie für die Wehrmacht zu leisten hatten.
Im August 1941 wurden 5.000 Juden ermordet.
Im September 1941 ermordete der Höhere SS- und Polizeiführer Mitte Erich von dem Bach -Zelewski mit Hilfe der ihm unterstellten Ordnungspolizei sowie der Feldgendamerie der Wehrmacht 2278 Juden in Minsk.
Am 7. und 20. November 1941 führte die SS "Aktionen" in mehreren Straßen des Ghettos durch. Bei der ersten wurden 12.000 Juden, bei der zweiten 7.000 Juden in der Nähe von Tutschinka ermordet. Die freigewordenen Häuser wurden mit Juden aus Deutschland belegt.


Deutsche Juden in Minsk

Zwischen November 1941 und Oktober 1942 wurden insgesamt 35.442 Juden aus Deutschland und dem Protektorat Böhmen und Mähren nach Minsk deportiert und dort teilweise direkt ermordet und teilweise in einem gesonderten Ghettobezirk neben dem Hauptghetto untergebracht. Die Transporte umfaßten Juden aus Hamburg, Düsseldorf und dem Rheinland, Berlin , Bremen und Wien.
In der St. Apernstraße in Köln waren seit dem 1. Oktober 1939 alle jüdischen Schüler interniert.
Am 20. Juli 1942 wurden die Kinder und die Mehrzahl der Erzieher nach Minsk deportiert.
Raul Hilberg: Die Vernichtung der europäischen Juden, Bd. 2, S. 311
Nachdem der Angriff der Heeresgruppe Mitte im Winter 1941/42 vor Moskau steckengeblieben war, zwang die sowjetische Gegenoffensive die Heeresgruppe Mitte sich aus Zentralrußland nach Weißrußland zurückzuziehen.


Der rechtliche Freibrief für die Verbrechen an der Zivilbevölkerung
Um Bedenken der Soldaten über das völkerrechtswidrige Vorgehen gegen die sowjetische Bevölkerung zu beseitigen, gab Hitler am 13.5.1941 den "Erlaß über die Ausübung der Kriegsgerichtsbarkeit im Gebiet > Barbarossa < und über besondere Maßnahmen der Truppe" heraus. In ihm wurde bestimmt, daß Straftaten der feindlichen Zivilbevölkerung gegen die Wehrmacht nicht von deutschen Kriegsgerichten, sondern von der Truppe selbst geahndet werden sollten. Freischärler seien durch die Truppe im Kampf oder auf der Flucht "schonungslos" zu erledigen und alle andere Angriffe feindlicher Zivilpersonen gegen die Wehrmacht "auf der Stelle mit äußersten Mitteln bis zur Vernichtung des Angreifers niedergekämpft" werden. Gegen "Ortschaften, aus denen die Wehrmacht
In Absatz II wurde bestimmt, daß Straftaten von Wehrmachtsangehörigen gegen Landeseinwohner sollten nur dann kriegsgerichtlich erfolgt werden, "wenn es die Manneszucht oder die Sicherung der Truppe erfordert".


Die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD

Am 13.3.1941 bestimmte das Oberkommando der Wehrmacht, in besonderen Richtlinien, daß der Reichsführer SS und Chef der deutschen Polizei Heinrich Himmler im Operationsgebiet des Heeres Sonderaufgaben durchführen werde,
Im März 1941 wurden für diese "Sonderaufgaben" hinter der Front vom Reichssicherheitshaupt-amt vier Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD in Stärke von 500 bis 990 Mann, insgeamt also etwa 3.000 Mann , untergliedert in 16 "Einsatz-" und "Sonderkommandos" zusammengestellt..


Der Kommissarbefehl vom 6. Juni 1941

(Quelle: Hans-Adolf Jacobsen: Kommisarbefehl und Massenexekutionen sowjetischer Kriegsgefangener in: Anatomie des SS-Staates, Band 2 , S.137-234, München, dtv, 5. Aufl.1989)
 
4. Verwischen der Spuren / Vernichten der Erinnerung


1. Geheimhaltung von Judenerschießungen vor der Truppe

Die Erschießungen von Juden und politischen Kommissaren durch die SS-Einsatzkommandos sollten nach Anweisung des Oberkommandos der Wehrmacht möglichst abseits der kämpfenden Truppe außerhalb der Kampfzone unauffällig vorgenommen werden und der Truppe verborgen bleiben. Die Erschießung von Juden und Kommissaren sollte auch abseits der Durchgangslager und Ortschaften erfolgen, um die Bevölkerung und Kriegsgefangenen in Unkenntnis zu lassen. Die Gräber sollten so eingeebnet werden, daß sie nicht auffindbar sind.
Dies zeigt, daß die Verbrechen der Wehrmacht nicht jedem einzelnen der 18 Millionen Wehrmachtsangehörigen zur Last gelegt werden können. Man muß differenzieren zwischen Wehrmachtssoldaten, die aktiv mitgemordet oder Exekutionen veranlaßt haben, solchen, die bei der Judenverfolgung Hilfe geleistet und zugeschaut haben, solchen die eindeutige Kenntnis von den Verbrechen hatten, ohne daran beteiligt gewesen zu sein, und solchen, die nur militärische Aufgaben an der Front erfüllt haben ohne von den Massenexekutionen zu wissen oder die nur gerüchteweise davon gehört haben. Wie groß die einzelnen Gruppen waren, läßt sich im nachhinein schwer ermitteln. Es waren jedoch aufgrund der Zahl und des Umfangs der Verbrechen zumindest soviele Wehrmachtsangehörige in die Verbrechen verstrickt, daß von einer insgesamt unschuldigen Wehrmacht gesprochen werden kann, die nur ihre Pflicht erfüllt hätte.
Den Wehrmachtsangehörigen, die Hinrichtungen der Einsatzkommandos miterlebten oder selbst solche ausführten, wurde unter Strafandrohung das Fotographieren der Hinrichtungen verboten. Bei bereits existierenden Photos und Filmen sollte sichergestellt werden, daß sie nicht in der deutschen Zivilbevölkerung verbreitet werden.
Der Kommisarbefehl wurde an die untergeordneten Befehlshaber nur mündlich weitergegeben.


2. Verschleierung der Massenerschießung von Juden

Durch eine Vielzahl von Umschreibungen wurde die Tatsache der Ermordung der Juden in Briefen und Berichten der militärischen und polizeilichen Dienststellen bewußt verschleiert.
Nur Eingeweihte kannten die Bedeutung der Sprachregelungen. So war von der Lösung der Judenfrage, von Maßnahmen in der Judenfrage, Sicherstellung der Juden in Lagern, von der Befriedung eines Gebiets und Säuberungsaktionen die Rede. Bei Erschießungen wurde auch von der Evakuierung, Abschiebung, Umsiedelung, Aussiedlung, Aushebung oder Entfernung der Juden gesprochen. Sonderbehandlung bedeutete ebenfalls Erschießungen.



Abkürzungsverzeichnis

Im Dritten Reich wurden zahlreiche Abkürzungen verwendet, deren Bedeutung sich dem historisch unkundigen Leser nicht ohne weiters erschließt. Daher hier die wesentlichen Abkürzungen.

RSHA

Reichssicherheitshauptamt

SS

 

SD

Sicherheitsdienst, von Reinhard Heydrich gegründeter Sicherheitsdienst der SS zur Überwachung der Partei

 



Kommentiertes Literaturverzeichnis


Literatur zur Ausstellung


 

 

Vernichtungskrieg - Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944
Katalog zur Ausstellung , 3. Auflage April 1997


Literatur zum Thema "Wehrmacht in Serbien"


Manoschek, Walter

:

"Serbien ist judenfrei" - Militärische Besatzungspolitik und Judenvernichtung in Serbien 1941/42 , 2.Auflage, München 1995

Sundhausen, Holm

:

Geschichte Jugoslawiens 1918-1980 , Stuttgart
(Kohlhammer) 1982

Henkys, Reinhard

:

Die nationalsozialistischen Gewaltverbrechen, S. 145 ff.
(II Die Mordaktionen g) Ausschwitz und der Massenmord an den Juden - : Jugoslawien ), 1.Auflage, Berlin 1964

Gutman, Israel

:

Enzyklopedie des Holocaust - Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden
Bd. II Artikel : Böhme
Bd. III, Artikel : Serbien, S. 1301-1304 / Tito

 

 

 


Literatur zum Thema "Wehrmacht in Rußland"


Dalin, Alexander

:

Deutsche Herrschaft in Rußland 1941 - 1945. Eine Studie über Besatzungspolitik, Düsseldorf 1958 / 2. Aufl. 1981
( Standartwerk eines amerikanischen Historikers)

Kohl, Paul

:

Der Krieg der deutschen Wehrmacht und der Polizei 1941 - 1944,
Sowjetische Überlebende berichten, Fischer, Juni 1998

Müller, Rolf-Dieter

:

Hitlers Ostkrieg und die deutsche Siedlungspolitik .
Die Zusammenabeit von Wehrmacht, Wirtschaft und SS, Frankfurt/Main 1991

 

 

 


Allgemeine Literatur


 

 

Bastian, Till

:

Furchtbare Soldaten - Deutsche Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg, München 1997 (Beckche Reihe, Bd. 1219)

Gruchmann, Lothar

:

Totaler Krieg - Vom Blitzkrieg zur totalen Kapitulation
(knappe, doch sehr informative wissenschaftliche Darstellung des Zweiten Weltkriegs in Taschenbuchform) München, dtv


 
Text: © Oliver Meißner 1999-2003
Der Autor ist Jurist und Historiker.
Weitere Veröffentlichungen des Autors bei CologneWeb:
  • Chronik der Stadt Köln
  • Eine kurze Geschichte der Stadt Köln (Teil 1: Römerzeit)
  • Begräbnisse im frühen Köln

    Stadtführungen von Oliver Meißner zum Thema "Köln im Dritten Reich":

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  • Private Führungen für Gruppen


    Museen in und um Köln